Home arrow Trennung / Scheidung arrow Die Lebenssituation von Männern nach der Scheidung Monday, 06. September 2010      
 
Die Lebenssituation von Männern nach der Scheidung PDF Drucken E-Mail
Eine Scheidung hat heute durch das grosse emotionale und praktische Engagement des
Vaters in der Familie weit gewichtigere Bedeutung für den Mann als bisher. Konnte sich der
Mann früher nach der Scheidung zurückziehen und die Vaterrolle einem anderen überlassen,
so nimmt er heute auch nach der Scheidung noch eine zentrale Rolle in der Familie ein.

Während der Ehe

Solange sie verheiratet sind, setzen sich Väter meist nicht mit der Situation einer eventuellen
Scheidung auseinander. Kein Kurs erklärt dem glücklichen Paar nach der Hochzeit mögliche
Ausstiegsszenarien. Das Wissen um die hohen Alimentenzahlungen beunruhigt die Männer während
der Ehe noch nicht. In dieser Zeit und auch noch während der Scheidung macht dem Vater die
Vorstellung vom Verlust des Sorgerechts die grössten Sorgen. Eine Studie, die vom Schweiz.
Nationalfonds unterstützt wurde, zeigt, dass 60 % der verheirateten Väter geschiedene Väter
bezüglich Sorgerecht benachteiligt sehen. Nach der Scheidung sind es die Alimentenzahlungen für
die Frau, welche die Männer belasten. Nahezu die Hälfte aller geschiedenen Väter fühlt sich im
Bereich der Alimentenzahlungen benachteiligt - nur noch ein Drittel dagegen bemängelt nach der
Scheidung die Kinderzuteilung.

Lebenssituation geschiedener Männer

Die Wichtigkeit des Vaters für die Kinder auch nach einer Trennung ist heute in breiten Kreisen
anerkannt. Die durch den Verlust des Sorgerechts bedingte Position der Abhängigkeit von der Ex-
Partnerin wird dem geschiedenen Vater allerdings erst heute wirklich bewusst, da er Ansprüche an die
Gestaltung der Vaterrolle anmeldet. Der Mann reagiert entsprechend seinem Rollenbild meist
entweder mit Aggression und Kampf oder gekränkt mit Rückzug. Beide Reaktionen verhindern
allerdings eine einvernehmliche Lösung. Das geteilte Sorgerecht, das seit dem letzten Jahr beantragt
werden kann, geht zwar auf die neuen Bedürfnisse ein, doch lässt sich nicht widerlegen, dass es sich
dabei um eine «Schönwetterregelung» handelt. Bei konfliktträchtigen Scheidungen wird es
sinnvollerweise nicht gewährt. Tritt der Konflikt erst bei bereits gewährtem gemeinsamen Sorgerecht
auf, wird sich der obhutsberechtigte Elternteil durchsetzen. Die Ohnmacht auf der anderen Seite
bleibt.

Scheidungsprozess und Gesundheit der Väter

Konfliktbelastete Scheidungen können die Gesundheit geschiedener Väter noch Jahre später
beeinflussen. Wenn der Mann das Gefühl hat, «den Kürzeren gezogen» zu haben oder «über den
Tisch gezogen» worden zu sein, so hat das länger anhaltende Folgen. Das Empfinden, nichts
bewirken zu können, nichts zur Veränderung der Lebenssituation beitragen zu können, ist noch Jahre
nach der Scheidung mit körperlichen und psychischen Beschwerden verbunden. Es folgt nicht
automatisch ein Normalisierungsprozess nach der Scheidung. Geschiedene Väter sind speziell in
ihrer psychischen Befindlichkeit äusserst stark auf eine neue Partnerschaft angewiesen. Dies
zementiert aber die emotionale Abhängigkeit von der Frau, was im Falle einer weiteren Kränkung
aggressive Abwehr bis hin zu Gewaltdrohung und -anwendung hervorrufen kann.

Lösungsansätze

Die Einrichtung von sogenannten Mediationsstellen, die zwischen den Partnern vermitteln und
Lösungen verständlich machen, können hier eine Veränderung bewirken. Ziel einer solchen
Vermittlung ist es, eine Vereinbarung zu treffen, bei der beiden Parteien transparent wird, dass sie
jeweils etwa gleich grosse Einbussen erleiden, wenn auch in unterschiedlichen Bereichen. Oft können
dabei kleine Zugeständnisse auf beiden Seiten Entspannung und Erleichterung bringen, zum Beispiel
wenn der Vater etwas weniger Alimente zahlt, sich aber dafür verpflichtet, für einen mindestens gleich
hohen Betrag mit der Tochter Kleider kaufen zu gehen. So wird dem Vater die Möglichkeit gegeben,
sich aktiv und prägend mitzubeteiligen, seine Rolle und die dazugehörige Verantwortung als Vater zu
behalten. Er wird dieselben Ausgaben mit besserem Gefühl tätigen - ohne die durch die Kränkung und
Machtlosigkeit hervorgerufenen aggressiven oder trotzigen Reaktionen.

Präventives Verhalten – Was kann Mann tun

Der Mann könnte eigentlich schon im Voraus etwas tun, um für den Fall einer späteren Scheidung
vorzusorgen. Sind beide Elternteile erwerbstätig und hat der Mann einen wesentlichen Teil zur
Betreuung der Kinder beigetragen, dann ist einerseits die Chance grösser, dass ihm die Partnerin ein
gemeinsames Sorgerecht zubilligt, andererseits entlastet es ihn finanziell im Bereich der
Frauenalimente. Zudem hat er es durch die schon zuvor eigenständige Beziehung zu den Kindern
nach der Scheidung leichter, den Bezug zu behalten. Erst wenn die Scheidung als Abschluss und
auch als Chance zum teilweisen Neubeginn verantwortungsvoll durchlebt wird, kann auf den
gemachten Erfahrungen positiv aufgebaut werden, und es entsteht Platz für Neues.

Wie kann man Männer unterstützen? Folgerungen für den Alltag.

  • Das Private aufwerten.
  • Als Arbeitgeber, Vorgesetzter, Kollege: Die Familie darf ein Thema sein am Arbeitsplatz. Kontakt von Vätern zu Kindern zu fördern.
  • Absenzen bei Krankheit der Kinder sind bei Vätern ebenso zu akzeptieren wie bei Müttern. 
  • Väter ermutigen, ihre Kinder dann und wann an den Arbeitsplatz mitzunehmen.
  • Scheidung verarbeiten helfen
    Nach der Scheidung bricht für den Mann oft eine Welt zusammen. Für die Bewältigung dieses
    einschneidenden Lebensereignisses braucht der Mann Zeit – und Unterstützung aus dem sozialen
    Umfeld. Da das private Umfeld oft von der Partnerin „besetzt“ ist, ist der Arbeitsplatz für den Mann von
    zentraler Bedeutung.
    Die einen Männer reagieren mit Mehrarbeit (Verdrängung), bei den Anderen sinkt die Leistung in der
    Krise.
  • Wichtig ist in jedem Fall, dass die Situation vom Umfeld wahrgenommen wird – nur so kann
    entsprechend reagiert werden.
    Oft ist der Mann in einer Drucksituation (Forderungen von Expartnerin – Erwartungen von Firma)
  • Flexible Arbeitszeitmodelle erleichtern es dem Mann, den Kinderkontakt auf eine für ihn
    befriedigende Art zu gestalten.
    Sozialberatung spricht Männer oft nicht an (Hilfe holen ist „unmännlich“)
  • Betriebliche Sozialdienste, die bewusst und präventiv „Männerthemen“ aufgreifen (in
    Betriebszeitung etc.) erleichtert den Männern den Zugang. Solche „Männerthemen“ sind zum
    Beispiel Burnout, Scheidung, Vaterschaft, Vaterrolle (Spagat zwischen Familie und Arbeit) aber
    auch Sexualität oder Gewalt.

Publikation

Die im Text enthaltenen Zahlen beruhen auf einer Studie, die im Rahmen eines vom Schweiz.
Nationalfonds finanzierten Forschungsprojektes durchgeführt wurde.
Das Buch «Entschieden geschieden - Was Trennung und Scheidung für Väter bedeutet» von Lu
Decurtins und Peter C. Meyer (Hrsg) ist 2001 im Rüegger Verlag erschienen.

Kontakt

Lu Decurtins, Bertastrasse 35, 8003 Zürich, Tel. 01 451 28 48, www.lu-decurtins.ch,
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